Alter Schlachthof Karlsruhe
Transformation in ein Kreativ- und Kulturquartier
„Der Alte Schlachthof Karlsruhe hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich.“
Dr. Frank Mentrup, Oberbürgermeister
Das 7 Hektar große ehemalige Schlachthofareal befindet sich in zentraler Lage unweit der Innenstadt im Osten der Stadt Karlsruhe. Aufgrund seiner Nutzung zur Zeit seiner Gründung am Rand der Stadt gebaut und durch eine Mauer von der Umgebung abgegrenzt, war der Ort sehr introvertiert und abgeschirmt. Die zweiflügelige Anlage mit Schlacht- und Viehhof entstand aus hygienischen und funktionalen Gesichtspunkten und hatte dennoch eine schlossähnliche Anmutung. Der Betrieb wurde im Laufe der Zeit nach und nach zurückgefahren, bis er 2006 endgültig eingestellt wurde.
Bereits in den 1990er Jahren entschloss sich die Stadt dazu, den Osten der Stadt im Rahmen des Programms „Stadterweiterung Ost“ zu transformieren. Schon seit 2003 haben sich Künstler und Kreative aufgegebene Teile des Alten Schlachthofs angeeignet und mit Leben gefüllt – mal spontan, mal dauerhaft. Aus diesen vorhandenen, teils bereits etablierten Nutzungen wie der Konzerthalle „Tollhaus“ und vor dem Hintergrund der von der Stadtspitze entschieden vorangetriebenen Stadterweiterung Ost entstand das konkrete Vorhaben, das Areal des Schlachthofs dauerhaft zu einem Ort für kulturelle Einrichtungen, Künstler und Kreativschaffende zu transformieren.



Das Ziel war es, Bedingungen zu schaffen, die den Ort und das Programm vereinen: Den Schlachthof als ein Areal zu entwickeln, das Freiheiten schafft, sich seine eigene Atmosphäre bewahrt und eine Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten für Nutzerinnen und Besucher bietet. Möglich wurde dies durch die enge und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen den Fachämtern der Stadt, der städtischen Fächer GmbH als Entwicklerin sowie dem Verein AUSGESCHLACHTET e. V., einem Zusammenschluss aus den Nutzern des Areals. Heute ist der Alte Schlachthof als feste Größe nicht mehr wegzudenken aus der kulturellen und wirtschaftlichen Landschaft Karlsruhes und Baden-Württembergs.





Den Beginn der Transformation markierte ein öffentlich begleiteter Leitbildprozess, in dem das Nutzungskonzept, ein Leitbild und die gemeinsamen Ziele für die Konversion des Areals festgelegt wurden. Das Konzept des städtebaulichen Entwurfs, der auf dem Leitbild aufbaut, beruht auf der Wertschätzung des vorhandenen Ensembles und seines bisweilen rauen Charakters. Als strukturierende Elemente werden die umgebende Mauer, der Gebäudebestand, die Grundplatte und ihre Nutzungsoffenheit identifiziert. Die Freiräume werden öffentlich zugänglich gemacht, bilden einen shared space und werden als „Freiraumfoyers“ zum Teil des Konzepts. Der raue Charakter der Fläche bleibt erhalten, durch private Begrünungsmöglichkeiten und der Möglichkeit von Veranstaltungen ergeben sich neue Begegnungs- und Austauschräume.
Entscheidend für den Erfolg der Transformation war der Prozess, der dem städtebaulichen Entwurf folgte. Der Rahmenplan wurde im breiten Dialog überarbeitet, es fanden eine Vielzahl an Qualifizierungsverfahren für die einzelnen Bauprojekte statt, ein Gestaltungshandbuch und eine städtebauliche Supervision sicherten die Umsetzung der vereinbarten Ziele und Workshops nahmen Einfluss auf die konkrete Gestaltung des Außenraums. Dabei wurden formelle und informelle Instrumente der Stadtplanung und Baurechtschaffung aufeinander abgestimmt, vorhandene Dynamiken von öffentlichen und privaten Mitwirkenden klug genutzt und die Flexibilität des Prozesses stets beibehalten.
Denkmalgerechte Sanierung des ehemaligen Kühlhauses
Als neuer Standort für die Musikbranche in Karlsruhe wurde das ehemalige Kühlhaus denkmalgerecht saniert und umgenutzt. Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex wurde 1892 errichtet und im Laufe der Jahre mehrfach baulich erweitert. Das Sanierungs- und Umnutzungskonzept beruht auf einem möglichst behutsamen Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz. So wurden etwa in den denkmalgeschützten Räumen teilweise historische Wandfliesen und Elemente der früheren Infrastruktur erhalten. Heute wird das ehemalige Kühlhaus als Musikhaus von Kulturschaffenden und Gewerbetreibenden genutzt und beherbergt es die „Alte Hackerei“.



Der Alte Schlachthof zeigt sich heute mit einer Reihe von etablierten Nutzungen, die auch durch eine besondere Vermietungsstrategie ermöglicht und unterstützt werden. Die ehemalige Fleischmarkthalle ist ein kulturelles Bürgerzentrum mit Raum für bis zu 400 Personen, das vor allem Nutzungen für den Gemeinbedarf abbildet. Das Gründerzentrum Perfekt Futur bietet Räume für Start-Ups und gastronomische Möglichkeiten für Besucherinnen in ehemaligen Containern aus Rotterdam und fungiert als Existenzgründerzentrum. Dabei sichert die Konzeptvergabe der Mietverträge, eine Staffelmiete und eine begrenzte Mietzeit die stetige Erneuerung und das Nachwachsen neuer Talente. Im Expansions- und Festigungszentrum können sich junge Unternehmen ansiedeln, die die Gründungsphase erfolgreich absolviert haben. Daneben gibt es auf dem Alten Schlachthof eine große Konzerthalle, zahlreiche Ausstellungs- und Konzerträume und ein jährlich wiederkehrendes kulturelles Programm, das den öffentlichen Raum nutzt und viele Interessierte anlockt.
Als komplett städtisch finanziertes Projekt zeigt die Transformation des Alten Schlachthofs, welche Faktoren neben dem Erhalt von historischem Baubestand für den Erfolg eines Transformationsprozesses entscheidend sind: Konstanz im Management von Entwicklung und Umsetzung, eine gesteuerte Kommunikation und Markenbildung, konsequente Partizipation und enge Zusammenarbeit mit Akteurinnen, die konstante Anwendung von qualitätssichernden Verfahren einschließlich der städtebaulichen Supervision, die Steuerung der Nutzungsmischung, die den Standort auch wirtschaftlich in der Region etabliert, und nicht zuletzt die lebendige und wiederkehrende Bespielung des öffentlichen Raums als Teil der Stadt.
Auftraggeberin
Stadt Karlsruhe und Fächer GmbH
Größe
7 ha Areal, 6.600 m2 BGF ehemaliges Kühlhaus
Planung
städtebauliche Rahmen- und Bebauungsplanung 2006–2010, Sanierung ehemaliges Kühlhaus 2009–2014
Leistung
Städtebauliches Werkstattverfahren, 1. Preis, städtebauliche Rahmenplanung und Gestaltungshandbuch, Bebauungsplanung, Begleitung hochbaulicher Projekte und städtebauliche Supervision, denkmalgerechte Sanierung des ehemaligen Kühlhauses (Objektplanung LPH 1–9)
Zusammenarbeit
Martina Baum (städtebauliche Planung), Feigenbutz Architekten, Karlsruhe (Objektplanung)
Auszeichnung
Deutscher Städtebaupreis 2025, Belobigung, Beispielhaftes Bauen Stadt Karlsruhe 2012–2018
Fotocredit: Luftaufnahmen, Außenaufnahmen, Abbinder 1. Schlachthof Jeff Mirkes, Innenaufnahme Dr. Martina Baum, Abbinder 2., 3. Patrick Beuchert