Raumstrategie Rheinisches Revier 2038+
Räumliches Leitbild für den Strukturwandel im Rheinischen Braunkohlerevier
Wie kann die größte Landschaftsbaustelle Europas die Herausforderung des strukturellen Wandels meistern?
Seit den 1950er Jahren prägt der Braunkohleabbau das Rheinische Revier. Der Ausstieg aus der Braunkohle wird diesen Raum maßgeblich verändern, nicht nur durch die wirtschaftliche Neuprofilierung des Reviers. Die Marschrichtung scheint dabei schon festgelegt: Das Rheinische Revier will die erste klimaneutrale Modellregion Europas werden. Die zentralen Fragen sind dabei: Wie kann die Region klimaneutral und wie kann sie leistungsstark werden?
Der vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohleverstromung 2030 ist beschlossen – damit befindet sich das Rheinische Revier schon heute in einem Transformationsprozess, der den Landschaftsraum und die Wirtschaft auf lange Sicht vollständig verändern wird. Das Revier steht vor der Aufgabe, den wirtschaftlichen Wandel zu gestalten, sich als Standort neu zu profilieren und die strategischen Herausforderungen auf allen Ebenen der Planung gleichzeitig anzugehen: die Regeneration der Landschaft, die Habitatvernetzung von Fauna und Flora, die Etablierung neuer und nachhaltiger Formen der Landwirtschaft, die Erzeugung regenerativer Energien, die Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze und die Schaffung von neuen, die Umsetzung neuer Siedlungsformen und der Mobilitätswende im ländlichen Raum. Um die Transformation steuern zu können, haben drei interdisziplinäre Teams in einem kooperativen Verfahren Ideen für eine „Raumstrategie 2038+“ entwickelt.



Die Gestalter der Transformation sind vor allem die 65 Städte und Gemeinden des Rheinischen Reviers. Damit ergeben sich ganz unterschiedliche Perspektiven auf und Anforderungen. Eine zentrale Frage für das Gelingen der Transformation und die Umsetzung von gemeinsamen Ziele lautet: Wie kann jeder Gemeinde innerhalb des Transformationsprozesses eine eigene Entwicklungsperspektive geboten werden, die zugleich auch auf die Ziele der Raumstrategie für das Revier einzahlt?
Das Fundament für eine langfristige Siedlungsentwicklung im Revier bilden zwei Aspekte: ein leistungsfähiges ÖPNV-Netz als strukturgebendes Element der Siedlungsentwicklung und eine Typisierung der vorhandenen Siedlungen zur Lenkung einer polyzentralen Siedlungsentwicklung. Zusammen mit dem Erhalt und der Nutzung der Bodenschätze des Reviers, um Lebensgrundlagen für kommende Generationen zu erhalten, sowie dem Ermöglichen vielfältiger und robuster Produktionslandschaften bilden sie die vier Strategien des Raumbilds ab.
Der Strukturwandel im Rheinischen Revier ist am stärksten in der Produktion zu spüren. Mit dem Wegfall des Kohlstroms muss die Region die Ansiedlung von Arbeitsplätzen und den Umgang mit Flächenpotenzialen neu denken. Gerade die zentralen Lagen in den Städten und größeren Gemeinden bieten die Chance, neue und wertschöpfungsintensive Arbeitsplätze in der direkten Nähe von Hochschulstandorten und Forschungszentren anzusiedeln, sogenannte Mobilitätsquartiere. Diese liegen um die ÖPNV-Haltepunkte und sind geeignete Standorte für Betriebe mit hoher Arbeitsplatzdichte und besonderen Anforderungen an ein urbanes Umfeld.
Die heutigen Kraftwerksstandorte haben als versiegelte und ausgewiesene Flächen von nahezu 600 ha eine zentrale Bedeutung für den Strukturwandel. Die Kraftwerkstandorte sollen als interkommunale Gewerbe- und Industrieflächen entwickelt werden, die es umliegenden Kommunen ermöglichen, die Rekultivierungsflächen frei von finanziellem Druck auch landschaftlich nachzunutzen, und die gut erschlossenen Flächen gemeinsam als Standorte für Zukunftstechnologien heranzuziehen, die das Revier als Standort europa- und weltweit positionieren.
Der Strukturplan 2050+ zeigt auf, wie das Rheinische Revier 2050 aussehen könnte. Er konkretisiert das Raumbild und vereint die einzelnen Strategien. Dabei wird ersichtlich, wo welche Funktion des Raums Vorrang hat oder wo sich mehrere Aufgaben oder Potenziale überlagern. Die sektoralen Strategien wurden nicht in einzelne Themen aufgegliedert, sondern in vier Raumsystemen zusammengefasst.
Um den Strukturwandel zu gestalten, braucht es an einigen Stellen einen Denkwandel. Der Wechsel der Perspektiven ist Voraussetzung zum Erkennen neuer Handlungsoptionen. Dabei sollte das Rheinische Revier Nachhaltigkeit nicht als eine rein ökologische Maßnahme und Vorgabe verstehen. Erst durch die Nachhaltigkeit kann die leistungsstarke Region entstehen. Dazu braucht es ein Netz aus Akteuren, die gewillt sind, gemeinsam vorwärts zu gehen.
Auftraggeber
RWTH Aachen, Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen
Größe
4.800 km²
Planung
2021–2022
Leistung
Raumstrategie mit Leitbild im Rahmen eines kooperativen, öffentlichen Werkstattverfahrens, Mitwirkung an der Synthesephase
Zusammenarbeit
urbanista.ch, Zürich (CH), LOLA landscape architects, Rotterdam (NL), mrs Verkehrsplanung, Zürich, (CH), Futur A Zukunftsforschung
Fotocredit: ASTOC