37° Nordost – Städtebauliche Entwicklung Gladbeck

Rahmenplanung für Gladbecks Quartiere entlang der B224

Der Ausbau und die Überdeckelung der Bundesstrasse mitten in Gladbeck ermöglicht auf einer 31 Hektar großen Fläche die Entwicklung neuer Stadt- und Freiräume.

Die Verlegung der B224 in Tunnellage eröffnet der Stadt Gladbeck inhaltlich wie räumlich große Chancen. Die heute noch trennende Wirkung der B 224 wird aufgehoben; die Stadtteile und Naherholungsgebiete westlich und östlich der ehemals vielbefahrenen Straße werden durch städtebaulich-freiraumplanerische Entwicklungen geschickt miteinander verwoben. Wo heute Lärm, Verkehr und Asphalt dominieren und eine Barriere darstellen, entsteht ein neues räumliches Kontinuum mit hoher Freiraumqualität und vielfältigen Nutzungen. In zentraler Lage zur Innenstadt werden Wohnraum, Arbeitsplätze und Bildungsangebote geschaffen und bestehende Quartiere weiterentwickelt. Die Stadteingänge bekommen ein neues Gesicht, ein neues Stück Gladbeck für Leben, Arbeit und Freizeit entsteht.

Die Stadt nutzt diese Transformation als Impuls, übergeordnete Fragen von Klimaanpassung, Mobilitätswende, Innenentwicklung und sozialer Integration zu adressieren. Im Spannungsfeld zwischen Verkehrsberuhigung, Nachverdichtung und Erweiterung von Quartieren und Freiraumvernetzung greift „37° Nordost“ zentrale Fragestellungen aktueller Stadtentwicklung auf: Wie kann Infrastruktur bzw. deren Transformation zum Motor nachhaltiger Stadtentwicklung werden? Wie lässt sich Mobilität lokal neu denken? Wie kann die Aufwertung von Stadtteilen und die Innenentwicklung gelingen, ohne soziale Segregation zu fördern? Wie können grüne, vernetzte Räume im Zeitalter des Klimawandels optimal gestaltet werden, so dass sie gleichzeitig Treffpunkte für Freizeit und Sport bieten, die Biodiversität erhöhen und aktives Regenwassermanagement ermöglichen?

Für die Stadt Gladbeck eröffnet sich mit diesem Projekt die Chance, eine neue Richtung für die zukünftige Stadtentwicklung einzuschlagen. Die Bedeutung des Projekts liegt in seiner Vielschichtigkeit, Größe und Lage: Es ist Infrastrukturprojekt und Quartiersentwicklung zugleich und erfordert die Berücksichtigung gesellschaftlicher und sozialer Aspekte genauso wie das Finden von Lösungen zur nachhaltigen Gestaltung von Stadt- und Freiräumen.

Die städtebauliche Entwicklung betrifft einen zentralen Bereich der Stadt von über 1,5 km Länge in Innenstadtnähe, der heute noch durch die Bundesstraße zerschnitten wird. Hier entsteht durch die Überdeckelung der B224 eine zusammenhängende Fläche, auf der neue städtebauliche Quartiere, Bildungsstandorte, Sport- und Freizeitflächen sowie grüne Aufenthaltsräume realisiert werden. In drei Quartieren entstehen neue Gewerbeflächen, rund 1.100 Wohneinheiten, drei Kitas und ergänzende Quartiersnutzungen.

Die neue, zentrale Stadtstraße, die über der zukünftigen Autobahn verläuft, ist Teil des öffentlichen Raums. Sie dient als lokale Erschließung in Nord-Süd-Richtung, nimmt aber keine Durchgangsverkehre auf und ist nicht mehr anbaufrei, sondern bindet die anliegenden Quartiere zusammen und vernetzt sie durch einfache Querungen und vielfältige grüne Aufenthaltsräume. Alle Verkehrsteilnehmenden werden gleichberechtigt behandelt. Die neue Stadtstraße betont gerade nicht die Linearität, sondern die jeweiligen räumlichen Situationen im Kontext der Umgebung und der städtebaulichen Ziele. So wird sie in Teilen als shared-space umgesetzt und damit zum Modellraum für eine neue, gleichberechtigte Mobilität. Von ihr ausgehend entsteht ein engmaschiges Fuß- und Radwegenetz, das die zentralen Orte in Gladbeck und die drei neuen Stadtquartiere miteinander verknüpft und eine hohe Durchlässigkeit im Stadtraum herstellt. Neue Freiräume entlang der Stadtstraße ergänzen und verdichten das bestehende Freiraumsystem und bieten eine hohe Aufenthaltsqualität. Klimatisch wirksame Freiraumkorridore werden ausgebildet, die urbane Treffpunkte, Parks und landschaftlich geprägte Rückzugsräume beinhalten.

Die drei neuen Quartiere knüpfen stadträumlich und funktional an die bestehenden Siedlungsstrukturen an und bilden darüber hinaus einen zentralen Campus aus, der verschiedene Bildungseinrichtungen bündelt. Der Campus schafft im Zusammenspiel mit bestehenden Schulen einen räumlich zusammenhängenden Loop, der das Bildungsangebot in Gladbeck stärkt und es sichtbar macht. Die einzelnen Teilbereiche haben unterschiedliche Talente, ein buntes und sozial ausgewogenes Wohnraumangebot anzubieten: von urban und dicht in Innenstadtlage bis zum ruhigen Wohnquartier, jedoch immer in angemessener Dichte. Soziale und Bildungseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten werden im Bestand angebunden und im Loop neu untergebracht.

„37° Nordost“ nutzt die Transformation von Infrastruktur, um neue lebenswerte Orte zu schaffen. Zäsuren im Stadtgefüge werden in verbindende Räume verwandelt – mit sozialem, ökologischem und wirtschaftlichem Mehrwert. Die Inwertsetzung, die Betretbarkeit und Querbarkeit des ehemaligen Verkehrsraums inklusive anliegender Flächen, wirkt als eine Art Teilchenbeschleuniger für bereits bestehende städtebaulich-freiräumliche Systeme: Ein doppelter Ringschluss schafft es, im Norden die innerstädtischen Freiräume, Schulen und öffentliche Einrichtungen sowohl mit dem großen Naherholungsräumen im Westen und Südosten zu verknüpfen. Das Projekt wurde begleitet durch den engen Austausch mit der Öffentlichkeit und den Anwohnerinnen und Anwohnern. Ihre Anliegen und Bedürfnisse wurden Teil des Prozesses ebenso wie die notwendigen Richtlinien auf Bundes- und Landesebene, die für die Infrastruktur ausschlaggebend sind. Der städtebauliche Masterplan bzw. der Prozess ist so auch hier ein wichtiges Instrument der Kommunikation und Verständigung über gemeinsame Zielsetzungen.

Auftraggeberin
Stadt Gladbeck

Größe
31 ha

Planung und Realisierung
2023–heute

Leistung
Städtebaulicher Wettbewerb, 3. Platz, Städtebauliche Rahmenplanung, Gestaltungshandbuch

Zusammenarbeit
Planergruppe, Essen

Fotocredit: ASTOC

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