Evangelisches Krankenhaus Göttingen-Weende
Klinikumbau und -erweiterung im laufenden Betrieb
DER TEUERSTE KOMPROMISS IST EIN GRUNDRISS, DER NIE FÜR EIN KRANKENHAUS GEPLANT WAR.
Die Zusammenführung mehrerer Klinikstandorte gehört heute regelmäßig zu den Aufgaben im Krankenhausbau – und zu den strukturell anspruchsvollsten. Historisch gewachsene Häuser tragen die Betriebslogik und Abläufe ihrer Entstehungszeit und zahlreicher Anpassungen in ihrer Bausubstanz, die mit heutigen Anforderungen oft nur unter Kompromissen vereinbar sind.
Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende steht exemplarisch für diese Transformation. Den Kern des Standorts in Weende bildet ein historisches Kasernenareal in direkter Nachbarschaft zur Universitätsmedizin Göttingen. Integriert wurde ein zweiter Standort, Neu-Mariahilf, den das EKW als Verbund betrieb, jedoch aufgrund der Arealgröße und enger Nachbarschaft nicht weiter entwickeln konnte. Die Zusammenlegung und strukturelle Erneuerung musste daher aus dem Bestand heraus entwickelt werden, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Versorgungsbetriebs.
ASTOC begleitete den Standort von frühen Machbarkeitsuntersuchungen bis zu einem Rahmenplan, der als Grundlage für den neu aufgestellten Bebauungsplan diente. Der im Rahmen eines VgV-Verfahrens 2023 erarbeitete, erfolgreiche Beitrag für den Teilneubau überführte die strategische Arbeit in eine Beauftragung aller Leistungsphasen der Objektplanung. Diese planerische Kontinuität, von der städtebaulichen Machbarkeit bis zur baulichen Realisierung, ist für einen Klinikstandort dieser Komplexität eine Ausnahme.
ASTOC und ash architekten verorteten im konkurrierenden Verfahren mehr Funktionen im Neubau, als das ausgelobte Raumprogramm es ursprünglich vorsah. Diese Entscheidung ermöglichte eine konsequentere betriebliche Neuordnung des gesamten Campus. Ein Bestandsgebäude, die bisherige Verwaltung an zentraler Lage, weicht dem Neubau; die Verwaltung zieht in Bestandsflächen um, deren Nachnutzung für niedrig installierte Nutzungen geeignet sind. So entsteht Platz für einen kompakten Hauptbaukörper mit rund 33.000 m² Bruttogeschossfläche, der alle elf Fachabteilungen beider Standorte unter einem Dach bündelt.
Der Neubau folgt einer vertikalen Funktionsschichtung: Im Erdgeschoss liegen die zentrale Notaufnahme und die Radiologie, im ersten Obergeschoss der OP-Trakt mit weiteren Funktionsbereichen, darüber Intensiv-, IMC- und Allgemeinstationen. Eine zentrale Magistrale verbindet Neubau und Altbestand und bildet das räumliche Rückgrat des Campus. Die neuen Baukörper entwickeln sich aus der historischen Kasernenstruktur und öffnen sich nach innen zu Höfen mit klimatisch wirksamen Grünflächen.
Die gesamte Transformation findet im laufenden Betrieb statt. Rückbau und Neubau folgen einer genau getakteten Abfolge, die die Versorgungskontinuität zu keinem Zeitpunkt unterbricht. Ende 2026 beginnt der Bau; die Fertigstellung des Gesamtprojekts ist für 2031 vorgesehen.
Die neue Grundrissorganisation nimmt die bestehende Kasernenstruktur auf und überführt sie in einen effizienten und kompakten Klinikcampus. Die Stationen haben kurze Arbeitswege innerhalb der Pflegeeinheiten und senken so langfristig den Personaleinsatz pro Station. Die wirtschaftlichen Gewinne aus einem effizienten Klinikbetrieb übersteigen den Erstinvest in der Regel nach wenigen Betriebsjahren. Damit war die Programmüberschreitung im Wettbewerb, die Verlagerung zusätzlicher Funktionen in den Neubau, keine planerische Kühnheit, sondern eine ökonomische Konsequenz.
Die Campusstruktur richtet sich auf neu konzipierte und begrünte Innenhöfe aus, mit einem direkten Bezug zu den angrenzenden Freiräumen und die übergeordneten Naturräume an der Lutter. Damit wird das grüne Umfeld für alle PatientInnen wie auch Mitarbeitenden der Klinik zum festen Bestandteil der Erholung.
Mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser arbeitet in Strukturen, die für heutige Versorgungsansprüche nicht ausgelegt sind. Weende liefert ein übertragbares Muster für die Transformation: Ein Neubau an strategischer Lage entlastet den Bestand und qualifiziert ihn für neue Nutzungen. Altbausubstanz, die für klinische Kernfunktionen zu ineffizient wäre, übernimmt andere Aufgaben und bleibt damit erhalten. Historische Bausubstanz, Wirtschaftlichkeit und Versorgungsqualität lassen sich in diesem Modell gemeinsam denken.
Auftraggeberin
Evangelisches Krankenhaus Göttingen-Weende gGmbH
Größe
rd. 33.000 m² BGF (Neubau)
Planung und Realisierung
2023–2031
Leistung
Wettbewerb, 1. Platz, Objektplanung, LPH 1–9
Zusammenarbeit
ash architekten, Ludwigshafen
Credits: ASTOC